Richard Schmidt: „Mama, morgen bin ich frei oder tot“

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Auf dem Bahnhofsplatz in Nürnberg laufen die Menschen in alle Richtungen, die einen gehen einkaufen, die anderen zur Arbeit. Richard Schmidt steht da und wartet ungeduldig. Er hat seine Gesichtsmaske zu Hause vergessen und macht sich Sorgen, dass sein Abendessen in einem Restaurant ausfallen muss.

Na ja, da werden Erinnerungen wach“, sagt der 58-Jährige. Schmidt ist Rumäniendeutscher, einer von mehr als 100.000 Menschen, die zwischen 1967 und 1989 Rumänien verlassen haben – illegal, in höchster Gefahr. Mit gefälschten Reisepässen, versteckt in Autos, zu Fuß. Sie riskierten ihr Leben im Streben nach Freiheit.

Noch heute ist das Thema in Rumänien weitgehend Tabu – in Deutschland fehlt es am Interesse an den Geschichten, die von Flucht und Folter und menschlichen Schicksalen handeln. „Die haben Angst, eines Tages uns allen Entschädigungen zahlen zu müssen“, sagt Schmidt über seine einstige Heimat. „Rumänien war damals ein Gefängnis unter freiem Himmel. Du konntest das Land nicht verlassen. Ich sah die Vögel an, die hatten ein besseres Leben, konnten fliegen, wohin sie wollten. Ich war eingesperrt.“  Schmidts „Gefängnis“ stand im Länderdreieck zwischen Rumänien, Ungarn und Jugoslawien, 1963 wurde er in Großsanktnikolaus (Sannicolau Mare).

Wir waren Banater Schwaben“, sagt er. „Nach all den Deportationen wollten meine Eltern zeigen, dass sie Patrioten sind.“ Doch die Durchhalte-Parole bröckelte schon bald, zu schwer waren die Diskriminierungen zu ertragen, die Familie wollte nach Deutschland. Und sie war nicht die einzige.   

Die Deutschen durften gehen, doch das hatte seinen Preis

Mitte der 60ern verhandelte die deutsche Bundesregierung mit Bukarest. Nicolae Ceaușescu, damals Präsident, gab nach: Die Deutschen durften gehen, doch das hatte seinen Preis.

Rumänien stellte im Jahr 1968 eine Preisliste auf, je nach Beruf, Alter und Bildungsstand. Deutschland sollte für die Menschen zahlen – und das nicht zu knapp. Jemand ohne Ausbildung: 1700 D-Mark, ein Student: 5000 D-Mark, eine Person mit Universitätsdiplom: 10.000 D-Mark. Wer das Land verlassen durfte, bestimmte allein Rumänien, Bonn hatte die Liste zu akzeptieren. Und hatte sich auch sonst den Bedingungen aus Bukarest zu beugen.

Mal wurde das Programm für einige Monate gestoppt, später verlangte Rumänien immer höhere Preise: 25.000 DM für einen Lehrer oder Ingenieur, sogar 70.000 DM für einen Zahnarzt. Mehr als zwei Jahrzehnte funktionierte dieser Deal, am Ende wurde die Ceaușescu-Diktatur auf diese Weise mit über 3 Milliarden DM finanziert. Ungefähr 250.000 Rumäniendeutsche wurden freigekauft.

Ich nicht und meine ganze Familie auch nicht“, sagt Schmidt. „Das klingt so einfach, war es aber nicht.“ Das korrupte System versuchte, so viel Geld wie möglich herauszuschlagen. „Ein Funktionär der kommunistischen Partei entschied eigentlich wer, wann gehen dürfte“, erinnert sich Schmidt. „Man musste extra Schmiergeld zahlen, um auf die Liste zu gelangen. Sie kassierten zweimal und nachdem du weg warst, nahm der Staat alles, was einmal dir gehörte. 16.000 Mark hat man uns verlangt. Wir hatten das nötige Geld nicht. “ 

Deutsche Mark

Ein Opfer dieses Systems

Und doch konnte und wollte er sich nicht länger arrangieren. Immer wieder sah er Nachbarn verschwinden. „Sie besuchten uns nach wenigen Jahren und ihr Leben war komplett verändert“, sagt Schmidt. Schon 1965 hatten seine Eltern Anträge auf Ausreise gestellt. „20 Jahre warteten wir umsonst“, erzählt der Wahl-Bayern. Inzwischen schlug das Schicksal zu. „Mein Vater ist 1977 an einem Arbeitsunfall gestorben. Sein Chef wollte ihn nicht ins Krankenhaus fahren“, sagt Schmidt. „Er ist gelaufen und ist am Ziel gestorben. Ein Opfer dieses Systems. Ich habe geschworen: Ich werde dieses Land für immer verlassen.“

Mit 18 wollte er seinen ersten Fluchtversuch über Grenze unternehmen. Doch die rumänische Geheimpolizei, Securitate, war ihm auf den Fersen. Man merkt Schmidt noch heute die bewegten Zeiten an: „Die Grenzwächter beschützten das Land vor ihren eigenen Landsleuten. Einfach traurig. Menschen wurden erschossen oder ertranken in der Donau. Viele Schicksale sind seit Jahrzehnten unbekannt. Niemand kümmert sich um die anonymen Gräben der Grenzgänger auf der jugoslawischen Seite der Donau.“ Wer ertappt wurde, der lernte die Brutalität der Securitate kennen. Flüchtlinge galten als Landesverräter und wurden mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft. Unter den Flüchtenden waren auch rund 900 DDR-Bürger, die über den Fluchtweg Rumänien in die BRD gelangen wollten. Knapp 250 von ihnen haben es geschafft, mindestens vier sind ums Leben gekommen. „Die Grenzwächter waren 18-jährige Soldaten, sie erhielten eine Gehirnwäsche, dass die Flüchtlinge Waffen besitzen. Ihre Devise lautete: lass seine Mutter weinen, nicht meine. Das war damals die blutigste Grenze Europas“, erklärt Schmidt. 

Selbst wer sich nur im näheren Umfeld der Grenze aufhielt, machte sich verdächtig. „Man nahm dich aus dem Zug, nur weil du in der Richtung der Grenze fährst“, erinnert sich Richard Schmidt. „Sie hatten inoffizielle Mitarbeiter überall, im Zug, am Bahnhof, und in allen Dörfern an der Grenze.“ Erst im März 1987 gelang ihm das, wovon er jahrelang geträumt hatte.

Mit drei weiteren Personen und einem Schleuser floh er aus Rumänien. Zu Fuß ging es über die Grenze nach Jugoslawien. „Ich habe meiner Mutter gesagt: morgen bin ich frei oder tot“, sagt Schmidt. Es regnete heftig. Irgendwann stießen sie auf einen meterhohen Zaun aus Stacheldraht. „Einer aus der Gruppe ist hängengeblieben und löste den Alarm aus“, erzählt er. Der Grenzsoldat stellte die Gruppe. „Er begann in der Luft zu schießen, brüllte uns an, wir sollen stehen bleiben. Wir sind gelaufen. Ein älterer Mann aus unserer Gruppe ist zurückgeblieben. Der Soldat nahm ihn mit. Wir waren frei“. Doch die Freude währte nur kurz: Noch am selben Tag wurde Schmidt im serbischen Dorf Mokrin verhaftet. Jugoslawien hatte Vereinbarungen mit Rumänien getroffen, alle Flüchtlinge zurückzuschicken. „Wir saßen einige Tage in der Haft, dann wurden wir wegen illegaler Grenzüberschreitung zu 20 Tagen Gefängnis verurteilt“, erzählt der 58-Jährige. „Jeden Tag wurden wir im Gefängnis in Zrenjanin verhört, damit Sie herauskriegen, ob wir vielleicht Spione sind“.

Ein profitables Geschäft für die SED

Schmidts großer Vorteil: Anders als Rumänen und DDR-Bürger, wurde Rumäniendeutsche nicht zurückgeschickt – solange sie ihre Identität beweisen konnten. Für DDR-Bürger bedeutete das Haft wegen Republikflucht, aber auch die Möglichkeit, von der BRD direkt aus einem DDR-Gefängnis freigekauft zu werden. Ein profitables Geschäft für die SED. Nicht umsonst schickte die DDR regelmäßig Flugzeuge, die alle gefassten DDR-Flüchtlinge aus Sofia, Bukarest, Budapest und Prag einsammeln sollten.

Nach drei Wochen kam für Schmidt die Stunde der Wahrheit: würde er ins UN-Flüchtlingslager nach Belgrad geschickt werden – oder zurück nach Rumänien? Er durfte weiterreisen, konnte sich an die BRD-Botschaft in Belgrad zu wenden. Da sie als BRD-Bürger anerkannt wurden, erhielten sie provisorische Pässe für die Reise in die BRD.

Fast alle kamen ins Flüchtlingslager in Padinska Skela. Deutsche meldeten sich bei der BRD-Botschaft und nach ein paar Wochen erhielten sie Reisepass, Geld und Fahrkarten“, erzählt Schmidt. „Ich kann mich genau erinnern, dass ich vor der Botschaft saß und nach vielen Jahren wieder Orangen aß.“ Rumänen hatten diese Chance nicht. Sie mussten ein Asylverfahren durchlaufen und versuchten meist, in die USA, nach Kanada, Schweden oder Australien zu gelangen. Schleuser organisierten Fluchtversuche nach Italien und Österreich.

Flüchtlingslager nahe an Rom und Wien wurde ihr neues Zuhause. Da begann das Asylverfahren von vorne. Das konnte Monate dauern. „Mir ist bewusst, dass wir es ab Jugoslawien viel einfacher hatten als die Rumänen“, sagt auch Schmidt. „Ich bereue nur die Jahre die ich in Rumänien verschwendet habe. Kälte, kein Strom, keine Lebensmittel, keine Meinungsfreiheit, das hat meine ersten 24 Jahren stark geprägt. Seit ich in Deutschland angekommen bin, genieße ich ein ruhiges und würdevolles Leben.“  

Gelungene Flucht aus Rumänien bedeutete meisten ein Hafturteil in Abwesenheit, was eine Rückkehr nach Rumänien ausschloss. Die Gefahr, dass die Eltern und Verwandte ihren Job und ihren Status verloren, war groß.

Die Verfolgung Andersdenkender durch die Securitate gehörten zum Alltag. Und trotzdem erreichten Ende der 80er Jahre die Fluchtversuche eine so hohe Zahl, dass sie in Rumänien nicht mehr thematisiert werden durften, es war ein Schatten auf den „perfekten Sozialismus“. Laut Archiven sind allein im Jahr 1989 über 50.000 Menschen aus Rumänien geflohen. Im Dezember 1989, wenige Tage vor der Revolution, gelang es Schmidt, die Flucht seiner Mutter und seines Bruders zu organisieren. „Ich habe dafür bezahlt. Das ist kein Geheimnis“, erzählt er. Inzwischen lebt Richard Schmidt seit fast 35 Jahren in Stein bei Nürnberg. „Mir wird schlecht, wenn ich die kommunistische Nostalgie in Rumänien sehe. Was war gut? Nichts.“ Und er ärgert sich über jene, die die deutsche Flüchtlingspolitik kritisieren. „Ich als ehemaliger Flüchtling sage es immer wieder: Wir brauchen eine Welt, in der sich jeder frei bewegen kann. Unser Rentensystem braucht dringend alle Menschen, die arbeiten und sich integrieren wollen, denn die Geburtenrate sinkt und Deutschland überaltert“.

Wer uns kontaktieren möchte, kann dies unter marina.constantinoiu@gmail.com und istvan.deak2014@gmail.com tun

About Marina Constantinoiu Istvan Deak
Marina Constantinoiu și Istvan Deak sunt autorii unei serii de producții multimedia dedicate fenomenului frontierist, cu care s-a confruntat România în anii comunismului. Fenomenul, care a marcat o lungă perioadă, între 1948 și 1989, reprezintă o pagină de istorie recentă prea puțin sau chiar deloc cunoscută multora dintre români.

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